Zu Besuch bei Tante Alma: Extrovertierte Spießigkeit als Hotelkonzept

Zurück in die bunte Kindheit, aufgepeppt mit den Annehmlichkeiten des Erwachsenenlebens: Das Hotelkonzept “Tante Alma” geht selbstbewusst frische Wege in der jungen Stadt-Hotellerie.

Copyright: Tante Alma

Sommer. Ein einziges Wort, dass viele Assoziationen bei mir wachruft. Ich denke sofort an Wassermelonen, ein kühles Glas selbstgemachte Zitronen-Limonade und – auch wenn Sie das etwas verwundern mag – an unbeschwerte Sommertage auf dem Land. Jeder hat sie. Diese eine liebenswerte Person, manchmal eine Oma, meist eine Tante, die für eine idyllische Bullerbü Kindheit sorgte, an die wir uns noch heute gern erinnern. Genau an diesem Punkt setzt das neue Hotelkonzept “Tante Alma” an. Als offizielle Kernzielgruppe sprechen die Häuser Studierende an, die ein Heim auf Zeit suchen und nur wenig Budget zur Verfügung haben. Doch auch ältere Semester, die schon lange keine Uni von innen gesehen haben, sind herzlich willkommen. Schließlich hat Tante Alma ein großes Herz und lebt begeistert großzügige Gastfreundschaft. Ich vermute, dass die 20-Prozent der Longstay Studierenden Teil des eigentlichen Konzepts sind und die etwas altbackene Atmosphäre mit Lebendigkeit versehen sollen. Ganz so, wie früher die Künstler in den Grand Hotels umsonst Mittag essen durften, um das Flair zu bereichern.

Visionär Prof. Stephan Gerhard gründete in seiner über 30-jährigen Beratertätigkeit bekannte Hotelkonzepte wie 25hours und blickt mit diesem Konzept auch während der Pandemiezeit nach vorn. Nach dem zweiten Lockdown öffnete er die 50 Zimmer der neuen Hotelmarke “Tante Alma”, die vor allem eines in die Stadt-Hotellerie bringt: Bunte, unkonventionelle Extrovertiertheit. Prof. Gerhard gestaltet mit bis zu 100.000 Euro Häuser mit 50-100 Zimmern in bester Lage um. Das Alte bleibt, das noch Ältere kommt ergänzend dazu. Fertig ist das neue Hotelkonzept.

Wohnzimmerambiente mit Häkeldeckchen und Eierlikör

Copyright: Tante Alma

Leger und liebenswert – das ist mein erster Eindruck, als ich das Haus in bester Kölner Business Lage an den Ringen, der Ausgehmeile der Stadt, betrete.

An der Rezeption begrüßt mich eine freundliche junge Dame und erklärt mir die Vorzüge eines Longstay-Aufenthaltes. So können Gäste, die einen Studentenausweis vorlegen, bereits für 500 Euro einen Monat lang bei Tante Alma nächtigen. Leider habe ich meinen Studentenausweis nicht dabei, so dass ich mich für einen Shortstay entscheide. Die Zimmerpreise sind auch für einen kurzen Aufenthalt erschwinglich, 79-99 Euro pro Nacht. Bekannt sind diese Preise aus dem Motel One. Für die Kölner Innenstadt eine seltene Rate. Während die Rezeptionistin nach einem freien Zimmer schaut, traue ich meinen Augen kaum. Ich befinde mich zwar an besagtem Empfangstresen, fühle mich aber als ob ich in einem Wohnzimmer gelandet wäre. Häkeldeckchen auf den Tischen. Eine Flakonsammlung in dem Regal am Ende des Raumes. Die Schallplatten sind tagsüber Dekoration und füllen am Abend das Musikzimmer mit melodischen Klängen. Alte Bilder an jedem Zentimeter der selbst tapezierten Wand. Ich entdecke sogar ganz versteckt eine alte Playboysammlung aus längst vergangenen Tagen, in denen die Barbusigkeit noch offensiver in den Magazinen präsentiert wurde als heute. Die gehörte dann wohl dem Mann von Tante Alma.

Bunte, nicht wirklich zusammenpassende Kissen erinnern mich an die Villa Kunterbunt von Pippi Langstrumpf. Mutig. Und irgendwie gut. Die anwesenden Studenten scheinen sich sehr wohl zu fühlen. Fast jeder Sofa- und Sitzplatz ist belegt, die Laptops laufen heiß. Schnelles WLan und ein gemütliches, familiäres Ambiente sind eben genau die richtige Umgebung für die jungen Wilden.

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Instagrammable ist diese Location allemal, ich sehe an jeder Ecke einen Gast, der seine Handykamera zückt, um diesen Retro-Moment für seine Community festzuhalten. “Wir konvertieren Mittelklassehotels und Hotels garni mit überschaubaren Investitionen in kultige Locations, die eine Geschichte erzählen“, erläutert Prof. Stephan Gerhard das Konzept. Das jedenfalls ist sehr gelungen. Mein Favorit ist übrigens ein altes, nostalgisches Röhrenradio, ein echtes Sammlerstück. Ein Spielzimmer rundet Almas bunte Welt ab. Nein, nicht was Sie jetzt denken. Im Spielzimmer findet der Gast eine weitere bequeme Couch und eine ganze Bandbreite an Brettspielen aus den 80iger Jahren. Einem vergnüglichen Abend steht also nichts im Wege.

Auch Geschäftsreisende wie ich und Reisende, die einen kurzen Städtetrip planen, werden sich hier wie zu Hause fühlen. Das Low-Budget-Konzept wird gerade nach der Corona-Zeit Reisende mit kleinem Geldbeutel ansprechen und trifft somit den Nerv der Zeit.

Service bei Kaffeekränzchen und Frühsport

Warum spricht dieses Konzept gleich eine breite Zielgruppe an? Die Antwort ist einfach: Identifikation und Persönlichkeit. Wirklich jeder findet hier ein Detail, an dass er sich mit erhöhtem Herzschlag erinnert und damit meine ich nicht nur die plüschig gehäkelte Deko, für die die Agentur Going Places wohl alle deutschen Trödelmärkte absuchen musste. Pünktlich um 7:15 findet der digitale Frühsport auf dem Smart-TV statt. Eine Uhrzeitversschiebung gibt es nicht. Gab es schließlich früher bei der Tante auch nicht, ein bisschen Strenge muss sein. Das stört mich in diesem Fall nicht, denn ich laufe morgens lieber an der frischen Luft doch finde dieses Angebot perfekt für zu regnerische Tage.

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Pünktlich um 16 Uhr bekomme ich selbstgebackenen Apfelkuchen. Der süss-klebrige Duft lockt mich schon eine Stunde vorher in die Lobby. Pardon, ins Wohnzimmer. So wie früher bei meiner Tante, nur die hieß Doris. Sonntagabends wird zusammen “Tatort” geschaut, Mittwochs Spaghetti gekocht. Kitsch und Retro-Feeling auf allen Ebenen. Dabei zeigt Tante Alma durchaus Mut zur Veränderung und lebt in den bislang drei Dependancen jeweils einen Teil ihrer bewegten Vergangenheit aus. Die jeweiligen Standorte und Immobilien werden dabei gekonnt mit einbezogen. In Bonn zeigt sich die Hippie-Alma im Flower-Power Dress während in Mannheim die musikalische Ader der Tante hervorgehoben wird. Das Hotel verfügt sogar über eine eigene Bühne.

Welche Facetten Tante Alma noch zu bieten hat, wird sich künftig zeigen. Jährlich sollen zwei bis drei weitere Häuser in Top-Lagen von Universitätsstädten die Marke Tante Alma vervollständigen. Im Hotel Lasthaus am Ring in Köln erkenne ich Tante Almas alltäglichen Charakter. Sie mag es ordentlich, etwas überladen, bügelt selbst die Spitzengardinen und genehmigt sich abends gern den ein oder anderen Eierlikör, den auch ich als Gast an der Bar bekomme.

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Insgesamt sieben Mitarbeiter kümmern sich unter der Direktion von Renate Greiser um das Wohl ihrer Gäste. Was an der Deko übertrieben wirkt, macht der “leane” Teamansatz wieder wett. Habe ich einen Wunsch, so ist jederzeit ein Ansprechpartner für mich da. Möchte ich mich in Ruhe in meine Arbeitsunterlagen vertiefen, so finde ich einen opulenten und sehr bequemen Ohrensessel, in den ich mich zurückziehen kann.

Fazit: Mut zur Spießigkeit zahlt sich aus

Das Konzept ist anders. Bunt und mit mindestens einem Augenzwinkern versehen. Genau diese Art unkonventioneller Ideen braucht die Hotellerie nach der Pandemie. Eine jüngere Zielgruppe anzusprechen und gleichzeitig Lower-Budget Gästen Zimmer anzubieten ist ein gewagter Schritt. Dieser transportiert kreative Frische und vor allem eine glaubhafte Geschichte in die Groß-Stadt-Hotellerie. Bei meinem Short-Stay Aufenthalt habe ich mich sehr wohl gefühlt. Für den Longstay überlasse ich gern den Studierenden das mit Häkeldeckchen übersäte Feld.


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